Far Cry 5: Mit Paddel und Flammenwerfer auf Sektenjagd

Schon lange vor Donald Trump war klar: Die Amerikaner ticken anders. Und Far Cry 5, das nun vom Entwickler Ubisoft auf den Markt geworfen wurde, zeigt genau dieses Anderssein – schonungslos und manchmal verstörend, aber auch mit einer gehörigen Prise Humor.

Montana statt Kyrat: Fast vier Jahre lang war der Nachfolger von Far Cry 4 erwartet worden, Ubisoft verschob den Release von Far Cry 5 gleich zweimal – nun können Tausende Gamer weltweit endlich wieder jagen gehen: und zwar jede Menge Tiere von Kühen bis Pumas sowie Sektenführer Joseph Seed und seine getreuen Vasallen. Denn um sie geht es: Im amerikanischen Hope County, einer Gegend in Montana, treibt die christliche Sekte „Eden’s Gate“ ihr Unwesen. Sie will ihre schützenden Schwingen über all den Schäfchen der Stadt ausbreiten, die ihr beitreten. Und allen anderen den Schutz gewaltsam beibringen und sie zur Mitgliedschaft zwingen. Denn das Ende der Welt – so glaubt Sektengründer Joseph Seed – steht kurz bevor.

Die etwas anderen Bösewichte

Dass sich manche Einwohner von Hope County weder mit der einen noch der anderen Alternative anfreunden können, überrascht da wenig. Einer von ihnen ist der (oder die – das Geschlecht kann sich der oder die Spielerin vorher aussuchen) Deputy Sheriff des Ortes – der Protagonist in Far Cry 5. In seinen (oder ihren) Händen liegen die Waffen, das Ruder herumzureißen und den Sektenmitgliedern den Garaus zu machen. Mit Pfeil und Bogen, automatischem Gewehr oder Flammenwerfer auf böse Buben schießen: Die NRA hätte ihre Freude an dem Spiel – wenn da nicht diese Handlung wäre…

Denn dass in einem Videospiel (zumeist) weiße, christliche Amerikaner die Schurken sind und sich zur intimen Verabredung mit dem Fadenkreuz des Spielers treffen, ist dem konservativen Waffennarr so lieb wie ein Abendessen bei den Bin Ladens. Nazis, sowjetische Agenten oder muslimische Terroristen sind als Gegenspieler gerne gesehen, aber auf den fundamentalistischen Nachbarn schießen? Unmöglich!

Far Cry 5: Wetzt die Messer im beschaulichen Montana: Jacob Seed von der Sekte "Eden's Gate"
Wetzt die Messer im beschaulichen Montana: Jacob Seed von der Sekte „Eden’s Gate“

Doch genau das macht die Handlung so interessant und vergrößert den Spielspaß: Wer eine Religion, die sich Nächstenliebe und Frieden auf die Fahne geschrieben hat, für die eigenen Machtgelüste missbraucht, setzt sich ganz automatisch ins Bull’s Eye des Spielers. Und da ist es ganz egal, ob das Göttliche Gott, Allah oder fliegendes Spaghettimonster genannt wird.

Tödliche Waffen im beschaulichen Montana

Hope County ist in Far Cry 5 durch und durch amerikanisch: Der christliche Fanatismus trifft auf die unbändige Freiheitsliebe der wenigen Bewohner, die sich widersetzen – dass es mehr werden, liegt in der Hand des Spielers. Dass das ganze weniger mit Diskussionen abläuft, sondern Waffen jeden erdenklichen Typs (sogar Paddeln und Eisenrohren) genutzt werden, ist klar. Die Vernarrtheit in Waffen – auch das ist typisch amerikanisch. Wobei gesagt werden muss: Die Produzenten des Spiels kommen aus Kanada und Frankreich.

Das Setting des Spiels ist grandios: Der Spieler streift durch die teils bergige, teils landwirtschaftlich geprägte Umgebung. Aus den Lautsprecherboxen ertönt Countrymusik oder erklingt eine Mundharmonika. Von allen Seiten droht Gefahr, aus dem Tierreich (genau hinhören, man könnte in eine Klapperschlange treten!) oder von den „Peggys“, den gehirngewaschenen Dorfbewohnern, die dem Deputy das Wort Gottes auf einer Kugel in den Kopf hämmern wollen.

Landwirtschaftliche Prägung: Die Bullen in Hope County sind im Normalfall eingesperrt. Sie sollte man möglichst nicht befreien - und dabei NICHTS ROTES tragen.
Landwirtschaftliche Prägung: Die Bullen in Hope County sind im Normalfall eingesperrt. Sie sollte man möglichst nicht befreien – und dabei NICHTS ROTES tragen.

Mitten in diesen lebensgefährlichen Welten gibt es aber auch in Far Cry 5 jede Menge Humor. Beispielhaft dafür sei die „Eierfeier“ erwähnt, für die der Spieler dem Koch einer gerade aus den Fängen der Sekte befreiten Kneipe unverzichtbare Bestandteile bringen muss: nämlich Bullenhoden. Doch dafür einfach ein Rind zu erschießen, reicht nicht aus. Die Tiere müssen schon kopulieren, damit die Testikeln so richtig prall werden. Und in dem Moment, in dem man das Gatter der Kühe auf der angrenzenden Weide öffnet, ertönt Marvin Gayes „Sexual Healing“ aus den Boxen. Da wird die Jagd so richtig sexy. PETA dürfte das lieben.

Eine Open World, die wirklich offen ist

Auf dem Weg dahin, Hope County (wunderbar als 3D-Übersichtskarte dargestellt) vom Joch Eden’s Gates zu befreien, sammelt der Spieler Geld, Pflanzen und Bomben-Bauteile, um sich neue Waffen, Ausrüstungsgegenstände, Autos, Boote oder Hubschrauber zu kaufen oder um Sprengsätze, Molotow Cocktails und kleine Dopingmittel selbst herzustellen. Wer bestimmte Ziele im Spiel erreicht (z.B. die Häutung einzelner Tierarten oder der erfolgreiche Einsatz bestimmter Waffen), kann seinen Spieler verbessern und ihm zusätzliche Fähigkeiten verleihen. So lässt sich auch die Anzahl der Waffen oder der Munition ändern, die man mit sich führen kann – anders als bei Far Cry 4 müssen hierfür nicht unzählige Tiere gejagt werden, was eigentlich schade ist.

Ein weiterer, gewichtiger Unterschied zum Vorgänger ist der nicht vorhandene Erzählstrang. Die Geschichte beginnt mit ihrem Auftrag (Befreien Sie Hope County von den irrwitzig bösen Geschwistern John, Jacob, Faith und Joseph Seed!) auf einer kleinen Insel, die zunächst von den Rebellen befreit werden muss. Danach steht einem die fantastische Open World tatsächlich offen. Welchen Aufgaben sich der Spieler stellt, bleibt ihm überlassen. Jeder Ort ist von Anfang an erreichbar, jeder Charakter kann sofort gefunden und mit ihm interagiert werden. So öffnen sich, wenn man nicht aufpasst, sehr viele Handlungsstränge nebeneinander – und man droht den Überblick zu verlieren.

Montana, wie es leibt und lebt: Mitten im ländlichen Nirgendwo haben sich die Bösewichte der Sekte breitgemacht.
Montana, wie es leibt und lebt: Mitten im ländlichen Nirgendwo haben sich die Bösewichte der Sekte breitgemacht.

Zwischendurch lohnt es sich daher, einfach mal inne zu halten. Den Kühen beim Grasen zuzusehen, beim Angeln einer Regenbogenforelle zu entspannen, das virtuelle Montana zu genießen. Es ist eine realistisch dargestellte Landschaft, inmitten einer leider auch in Ansätzen realistische Handlung: Wer sich mit den christlichen Gotteskriegern konfrontiert sieht, denkt automatisch auch an Bilder wie das von Priestern der „World Peace Unification Sanctuary“, die mit dem AR-15-Gewehr Spalier stehen, und das nur wenige Tage nach dem Massaker von Parkland in Florida. Es bleibt die Hoffnung, dass die Waffen in echt zum Schweigen gebracht werden. Lasst sie doch in Videospielen ballern! Denn da kommt niemand zu Schaden.

Christian

Christian

Schaut gerne Serien, bleibt oft bei Youtube hängen, wäre im nächsten Leben lieber John Oliver und ist in diesem Leben Vater von drei Kindern (zwei Jungs, eine Playstation).
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