Alter Grieche!

von Björn Buske

So richtig will es nichts werden mit meiner lesbischen Liebschaft. Seit gut zwei Spielstunden baggert meine Protagonistin Kassandra nun schon an einer Nachfahrin des großen griechischen Helden Odysseus herum, wählt aus drei möglichen immer wieder die Techtelmechtel-Antwort aus – und steht am Ende doch allein da. So geht jede ihrer Wege. Und Kassandras ist besonders blutig.

Knapp ein Jahr nach Ägyptens schickt Ubisoft einen in „Assasins Creed: Odyssey“ ist Urlaubsparadies der griechischen Inseln. Jahrhunderte vor Christi gab es dort allerdings nicht an jeder Ecke Strandbars und romantische Badebuchten sondern Krieg, Besatzung, Tod. Sonst wäre „Odyssey“ aber natürlich auch reichlich langweilig. Denn die Kernkompetenzen der Serie waren eigentlich schon immer Meucheln, Schlitzen und auf Leute einprügeln. Doch das funktioniert inzwischen etwas anders als noch in vorherigen Teilen.

In einem Anflug von Neuerfindung haben die Entwickler dem Spiel nämlich eine neue Kampfmechanik beschert, die alle Dauer-Drücker am Gamepad erstmal verzweifeln lassen dürfte. Denn mit dem stumpfen „Draufhaun“ ist es inzwischen nicht mehr getan: Jede Auseinandersetzung will sorgsam geplant und ausgeführt werden, sonst macht die KI ganz schnell Gyros aus einem.  Zeus sei Dank entwickelt Kassandra aber mit der Zeit immer ausgefeiltere Kampfmethoden, die gegen XP in Aufrüstungsmenü eingetauscht werden können. Auch seinem Schiff und den Waffen selbst kann man dort etwas gutes tun.

Aber zurück zu Kassandra, die als erster weiblicher Protagonist in der langen Reihe von „Assasins Creed“, auf die Welt losgelassen wird. Alternativ hätte ich mich auch mit dem adonisgleichen Alexios in die Schlacht werfen können, vor diese Wahl stellt einen das Spiel ganz zu Anfang. Und inzwischen hat man es bei Ubisoft verstanden, dass, selbst wenn es um Leben und Tod geht, der Humor doch ein wichtiger Aspekt für die Charakterzeichnung ist. Denn statt des ewig gleichen 1000-Yard-Starrens inklusive düsterer Miene grinst Kassandra eigentlich dauerhaft in sich hinein. Es sei denn, dafür gibt es wirklich keinen Grund. (Siehe Meucheln)

Neben der Vergenderung und der neuen Kloppmechanik erwartet einen bei „Odyssey“ aber im Kern ein „klassisches“ AC-Spiel. Die Welt ist riesig und wunderschön. Kein Wunder, bei der griechischen Inselwelt als Vorbild. Immer noch geht es ums Klettern, Verstecken, Lauern und aus dem Hinterhalt töten. Was wir allerdings bekommen, ist eine vielvielviel größere Freiheit in unseren Entscheidungen. Während der Cutscenes, von denen es noch nie in einem AC so viele gab, müssen regelmäßig wohlüberlegte Antwortoptionen ausgewählt werden. Die reichen von konfrontativ über gleichgültig bis hin zu romantisch. Womit wir wieder bei meiner unerfüllten lesbischen Liebe wären.

Wahrlich, meine eigene Odyssee durch die Ägäis gibt nicht immer Grund zum Feiern. Denn fürs entspannte Inselhoping bin ich natürlich auch auf ein Schiff angewiesen. Und natürlich gibt’s auch auf See reichlich Keilereien. Wer das schon im Piraten-Epos „Black Flag“ auf Dauer als langweilig empfand, wird bei „Odyssey“ auch keine helle Freude daran finden. Vielleicht, weil Ubisoft vergessen hat die Option „Bringe Poseidon ein Opfer dar“ schlicht nicht eingebaut hat. Und spätestens seit Homer weiß man ja, wie pinselig der Gott des Meeres dann wird.

Wie sich die Story entwickelt, die schon nach wenigen Stunden mit einem Luke-ich-bin-dein-Vater-Moment aufwartet, kann man nach wenigen (10?) Spielstunden noch nicht wirklich beantworten. Schließlich ist nur ein klitzekleiner Teil der Karte aufgedeckt. Wie lange war Odysseus nochmal unterwegs? 10 Jahre? So lange wird meine persönliche Odyssee wohl nicht dauern. Aber für die nächsten Wochen gibt es sicherlich noch genug zu erobern, massakrieren – und vielleicht ja auch zu lieben.

Fotos: Ubisoft