Im Dunkeln ist gut Meucheln

Ich bin die Guten. Also der Gute. Wobei? Ziehen die Guten mordend durch ein fremdes Land ihm Auftrag der „guten Sache“? Zerstören sie Intrastruktur und schüchtern waffenschwingend arglose Zivilisten ein? Anscheinend schon, zumindest in Ubisofts lange erwartetem Taktik-Shooter „Tom Clancy’s Ghost Recon: Wildlands“.

Also, wie gesagt: Ich bin die Guten und soll als Mitglied einer supersupersuper-geheimen Spezialeinheit des US-Militärs die das böseböseböse Drogenkartell „Santa blanca“ mitsamt seines comichaften Bosses, dem Jeffe de los jeffes, El Sueno, vom Angesicht der Erde fegen. Das hat sich nämlich in Bolivien eingenistet und den Staat quasi übernommen. Da gebietet es doch die Moral, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Militainment vom Feinsten, ohne Platz für irgendwelche Grauzonen oder gar kritische Fragen nach der – fiktiven – Einmischungspolitik der USA in Lateinamerika.

So simpel, so vorhersehbar, aber auch so überflüssig ist die Story. Denn auch auf den Spielverlauf hat sie keinen großen Einfluss. Hier setzt man auf erzählerische Hausmannskost: Unter dem Oberboss stehen Unterbosse und unter denen wiederum mehr oder minder glaubhafte Lakeien, die man nach und nach ausschalten und so das gesamt Kartell destabilisieren muss. Hat man so schon öfters gesehen, zuletzt etwa bei „Mafia 3“.

Hinzu kommen noch zwei weiter Fraktionen: Freiheitsliebende Rebellen, die ich in Nebenmissionen unterstütze und von denen ich im Gegenzug Verstärkung, Hilfe bei der Aufklärung feindlicher Gebiete oder ein handfestes Bombardement erhalte. Und dann ist da noch die „Unidad“, das fiese und hartnäckige Militär Boliviens, das mir bei jeder Gelegenheit an den Kragen will. Damit wären die Fronten geklärt.

Die Map ist der Star

Soviel spielerischer Einfallsreichtum (*hust*) muss natürlich irgendwie aufgefangen werden. Das schaffst zuerst einmal der Schauplatz Bolivien selbst: Auf einer riesigen, und ich meine wirklich riesigen, Karte  verteilen sich die Missionen und Nebenkriegsschauplätze für geschätzt mindestens 50 Stunden gepflegter Drogenhändlerjagd –aber auch nur, wenn man es drauf anlegt, schnellstmöglich durch zu sein. Und Bolivien ist spektakulär: Vom tiefsten Dschungel über karge Steppen, schneebedeckte Höhenzüge und ausgedehnte Salzseen bis hin zum exklusiven Urlaubsressort an einem malerischen See ist alles dabei und alles von Beginn an frei erkundbar – ohne nervige Zwischenladezeiten gehen die verschiedenen Teile der Karte nahtlos ineinander über. Von A nach B kommt man per Auto, Helikopter, Flugzeug, Boot oder – und das sei jedem empfohlen, der die Schönheit des virtuellen Boliviens wirklich erleben möchte –  zu Fuß. Wer keinen Blick für Landschaften hat, kommt auch per Schnellreise überall hin – dann allerdings verbunden mit Ladezeiten. Überall verteilt in diesem riesigen Gebiet lauern kleine und große Ansammlungen der Sicarios, der Fußsoldaten des Kartells. Teils einfach am Straßenrand an einem Auto lehnend, in einer einfachen Holzhütte, in einer der zahlreichen bewachten Prachtvillen oder aber in den festungsartig ausgebauten Garnisonen gehe ich auf die Jagd.

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Hier kann „Wildlands“ seine große Stärke ausspielen: Das taktische Vorgehen unter Mithilfe von 3 KI-Kollegen oder mit Unterstützung anderer Spieler. Denn wer das Sturmgewehr schwingend ohne Plan und vor allem ohne ausreichende Aufklärung auf des Gegners gute Stube zurennt, wird damit vielleicht in den ersten paar Stunden auf den unteren der insgesamt vier Schwierigkeitsgrade ein paar Erfolge einheimsen können, wirklich weit kommt er aber nicht. Und so schlage ich standardmäßig erst einmal ein paar hundert Meter entfernt mein Lager auf und kundschafte das Gebiet aus. Das geht per Fernglas, weitaus einfacher und erfolgreicher aber per Drohne.

Sind alle bösenbösenbösen Buden entdeckt und ihre Laufwege analysiert geht es ans Eingemachte. Einzelgänger nehme ich mit dem Scharfschützengewehr aufs Korn, gleichzeitig erledigen meine Kameraden per Sync-Shot-Funktion bis zu drei zuvor markierte Kollegen des Unglücklichen. Aber nicht jedem Bösewicht ist aus der Ferne beizukommen, ausgerüstet mit Schalldämpfer muss ich also mitten rein ins Getümmel. Außerdem rückt sofort Verstärkung an, wenn sie einen ihrer toten Kameraden entdecken. Stealth ist also King. Dabei helfen mir der überzeugende Tag-Nacht-Wechsel und das Wetter enorm. Denn im Dunkeln ist bekanntlich nicht nur gut Munkeln sondern auch gut Meucheln. Falls ich dennoch entdeckt werde, kommt der Schalldämpfer ab und es wird laut. Das ist aber nicht immer zu empfehlen: Soll ich nur einen Informanten schnappen, sucht der beim kleinsten Geräusch nämlich das Weite. Herumliegende Unterlagen, die weitere Missionen freischalten, sind da sehr viel einfacher zu packen.

Meine erste Barbie

Auf Dauer ist das zwar immer fast das Gleiche (Auskundschaften, snipern, zugreifen), macht aber aufgrund des abwechslungsreichen Terrains und der relativ guten Gegner-KI immer wieder Spaß. Und als Belohnung warten nicht nur Fortschritt in der Story, sondern  überall auf der Karte verteilt auch Neue Waffen, Waffenerweiterungen und Skill-Punkte. Damit lässt sich mein supersupersupergeheimer Soldat aufleveln. Anders als in Rollenspielen wird diese Charakterverbesserung aber nicht zum Hauptziel und -zweck des Spiels. Trotzdem sollte man gut daran tun, hier hin und wieder aktiv zu werden, denn die mit der Zeit anspruchsvoller werdenden Missionen sind mit besserer Waffe, besserer Handhabung, stärkerem Widerstand und einer voll aufgerüsteten Drohne einfach besser, will meinen weniger frustig, zu meistern.

Überhaupt kann man viel Zeit verbringen mit einem Charakter: Wer sich nicht gleich am Anfang in mühevoller Kleinarbeit Aussehen, Kleidung und Klimbim zusammengestellt hat, kann das zwischendurch tun. Und plötzlich ist man vom Spieln mit Puppen gar nicht mehr so weit weg.

Nebenher gibt es also genug zu tun, trotzdem wirkt das Spiel nicht überfrachtet. Seine Kernkompetenz, das Schleichen und taktisch überlegte Vorgehen gegen eine Gruppe von Gegnern, steht eindeutig im Vordergrund. Und hier liegt , neben der wirklich tollen Spielwelt, auch die größte Stärke von „Wildlands“. Ein bisschen nervig sind die trotz eines ersten Updates immer noch auftretenden Glitches, zumindest auf der PS4: Da steckt man plötzlich zwischen Steinen fest und es bleibt einem nichts übrig, als dem eigenen Leben per Sprengladung ein Ende zu setzen. Blöd nur, dass meine KI-Kameraden mich gleich wiederbeleben, beim zweiten Mal ist dann aber Game over. Da geht mein Soldatenkumpel mal völlig ungerührt übers Wasser, sehen mich Gegner auf freiem Feld nicht, dafür aber hinter einer Meterhohen Wand versteckt. Hier sollte Ubisoft möglichst schnell noch einmal nachpatchen.

Fazit

Man kann drüber streiten, ob Shooter böseböseböse sind oder nicht. Darüber will der Oldennerd nicht urteilen. Rein spielerisch ist „Ghost Recon Wildlands“ aber eine Wonne: Das riesige virtuelle Bolivien, auch wenn seit dem neuesten Patch extra darauf hingewiesen wird, dass es ja aber auch gar nichts mit dem echten Bolivien zu tun hat, ist eine Augenweide, sehr abwechslungsreich und einfach toll designed. Damit eng verknüpft ist natürlich auch die Freiheit des Vorgehens, durch die der Taktik-Shooter sein „Taktik“ auch wirklich verdient.  Besonders im Koop mit Freunden kann man sich so wunderbar kreativ durch die Gegend schießen. Und das mit mehr Waffen, als man essen kann. Damit ist auch für die Sammlerfreunde gesorgt.

Es sind die kleinen Dinge, die mir mit zunehmender Spieldauer auf den Senkel gehen: Die ewig gleichen Funksprüche, mit denen die bösen Buben Verstärkung herbeirufen ebenso wie das Radio in Fahrzeugen, welches nur eine Platte zu kennen scheint. Das sind eigentlich nur Nebensächlichkeiten, für eine wirklich lebendige Spielwelt aber wichtig gewesen, genauso wie Nebengeschichten, die über mit dem Auto liegengebliebene Einheimische hinausgehen. Hier ist Open-World-Platzhirsch GTA 5 immer noch der Maßstab. Oder die Wahnsinnige Geschwindigkeit, mit der viele der Fahrzeuge unterwegs sind – da muss man aufpassen, nicht rechts von einem Rollstuhl überholt zu werden. Da wird die Schnellreise plötzlich doch ganz interessant.

Wer über solche Dinge hinwegsehen kann, möchte und das auch tut, wird mit „Wildlands“ – besonders auf lange Sicht-eine Menge Spaß haben.

 

(Bilder: Ubisoft)

Björn

Björn

Serienaficionado, Gamefanatic, Musiknerd und bekennendes Web 2.0-Opfer mit einer besonderen Vorliebe für jedweden Schwachsinn, den das Netz zu bieten hat.
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