Madden 17: Hotdog statt Stadionwurst

Was dem Deutschen sein Fußball ist dem Amerikaner sein Football: Die (fast) schönste Nebensache der Welt. Wie man hierzulande knapp nach dem Laufenlernen schon mitter Pille unterm Arm zum Bolzplatz läuft, klemmt man sich in den Staaten eben das Schweinslederei auf den Gepäckträger. Am liebsten aber konsumieren die meisten den Fußball/Football aber dann doch zu Hause, auf dem heimischen Sofa mit der einen Hand in der Chipstüte und der anderen hart am Glas.

Frappierende Ähnlichkeiten also. Dass die Spiele an sich allerdings dann doch sowas von unterschiedlich sind ist wohl der Grund, dass unser guter alter Fußball in der US-Variante Soccer auf der anderen Seite des großen Teichs erst langsam Fuß fasst und auch American Football hierzulande eher zu den häufig vernachlässigten Exoten-Sportarten zählt – trotz des Bemühens des Privatfernsehens, mit Live-Partien das Spiel auch in Deutschland populär zu machen.

Kommen wir aber nochmal zurück zu dem Sofa, denn genau dort hat unser Oldennerd sich die vergangenen Nächte um die Ohren geschlagen, sich von FIFA und PES losgesagt und mal ausprobiert, ob Brady, Brown und Beckham Jr. in EAs neuem MADDEN 17 ein adäquater Ersatz sind für Messi, Müller und Mikhitaryan sind.

You know what you’re doin‘?

Bevor wir aber überhaupt anfangen: Grundlegend sollte man schon wissen, wie American Football funktioniert. Gut, ansonsten hätte man sich das Spiel wahrscheinlich auch nicht zugelegt. Aber allein die Tatsache, dass die Spielzüge in den allermeisten Fällen nur wenige Sekunden dauern irritiert die eingefleischten Fans der Fußballsimulationen am Anfang doch ganz kräftig. Bei EA hat man sich so etwas wohl gedacht und hat für Neulinge ein umfangreiches, mehrstufiges Tutorial ins Spiel programmiert. Das macht den Spieler langsam und logisch aufeinander aufbauend mit den Lauf-, Pass- und Tacklemechaniken vertraut und lässt einen die Übungen auch mehrfach durchführen. Klassischer Drill also. Wohl die wichtigste Erkenntnis für Neueinsteiger: Wer die Sprint-Taste wie beim Fußball quasi festgeklemmt hat, kommt nur selten zum Erfolg.

Wer die Grundlagen lernen will ist nach einer knappen halben Stunde bereit für den Kick-off. Aber man kann natürlich auch tiefer einsteigen, die verschiedenen Pass- und Rush-Varianten lernen und üben, sich in die Strategien vertiefen und natürlich auch die diversen Defense-Konzepte büffeln. Das alles ist übrigens auch als Teil des klassischen Karriere-Modus (hier „Franchise-Modus“) eingebunden als Hilfe, sich auf den kommenden Gegner vorzubereiten. A propos „Franchise“: Ein bisschen sprachbegabt sollte man schon sein, denn MADDEN 17 kommt ausschließlich in englischer Sprache auf den Markt.

Ab aufs Gitterrost

Nun geht’s aber erst einmal aufs Gridiron: Nach dem Kick-off und ersten Return hat man nun erst einmal Entscheidungen zu treffen. In der Offensive: Laufen oder Passen, durch die Mitte oder Richtung Außenlinie, kurz oder über die volle Länge des Spielfeldes. In der Defensive: Mann- oder Zonen-Verteidigung in unzähligen Variationen, dazu noch diverse Spielarten des Blitz, also der Überfrachtung der sogenannten Line of Scrimmage, um den Quarterback unter Druck zu setzen. Dazu stehen einem diverse sogenannte Playbooks mit Spielzügen zu Verfügung, die je nach Team und Coach variieren. Die einfachste Variante ist, sich auf die Empfehlungen des Trainers zu verlassen. Der gibt einem ein paar Spielzüge vor, die je nach Spielzeit und Position auf dem Spielfeld den größten Erfolg versprechen. Auswählen kann man aber auch aus einem schier unendlichen Pool an Möglichkeiten, je nach Aufstellung, Strategie oder Empfehlungen der Online-Community. Hier setzt MADDEN auf größtmögliche Realitätsnähe, um auch geübten Spielern immer neue Möglichkeiten zu geben.

Hat man sich entschieden geht es los und plötzlich alles ganz schnell. Besonders das Laufspiel, im Englischen Rush, wird bei den ersten Versuchen meist relativ schnell gestoppt. Wer etwas vertrauter ist mit der Steuerung kann hier aber bald schon genau die Lücken finden, die er benötigt und ordentlich Yards machen. Besonders Anfänger werden aber schnell dazu übergehen, auf Pässe zu setzen. Nach dem Snap, wenn der Quarterback mit dem Ball in der Hand wurfbereit hinter seiner Offensivverteidigung steht, heißt es kühlen Kopf bewahren. Drei bis fünf Spieler versuchen sich freizulaufen, innerhalb von Sekunden muss man erkennen, welcher Pass der richtige ist. Allzu gern verliert man dabei aber die gegnerische Verteidigung aus den Augen, die den Quarterback zu Boden reißt. Und schon ist der Spielzug zu Ende. Was auf niedriger Geschwindigkeitseinstellung zwar zunächst verwirrend, aber noch zu überblicken ist, wird mit höherem Gamespeed schon deutlich anspruchsvoller.

Mach ma‘ langsam

Was man bei all der Hektik oft gar nicht zu würdigen weiß, sind die wirklich fein gemachten Animationen, egal ob im Laufduell, beim Run mit dem Ball, beim Fangen oder auch beim Tackeln. Erst in den automatischen Wiederholungen sieht man, wie nah der virtuelle inzwischen am realen Football ist. Überhaupt ist die Grafik eine Augenweide: Wenn die Trikots mit zunehmender Spielzeit immer schmutziger werden, die Kerben auf den Helmen die Geschichte von unzähligen Zusammenstößen erzählen oder Mitspieler und Coach einen an der Seitenlinie für einen erfolgreichen Spielzug feiern, wähnt man sich mittendrin. Dazu kommt die ansprechende Präsentation mitsamt der Originalstadien und dynamisch reagierenden Fans, der obligatorischen Hymne vor dem Superbowl und der wunderschön prolligen Jubelgesten. Das alles kann man sich anschauen, aber auch sehr einfach wegklicken. Letzteres funktioniert nämlich in MADDEN 17 wunderbar und raubt einem nicht wie in vielen anderen Sportspielen den letzten Nerv.

In your Face!

Was wir nicht verschweigen wollen, dem Oldennerd aber positiv aufgefallen ist: Die zwischenmenschliche Komponente. Denn gerade im Spiel gegen einen neben einem sitzenden Freund, hat man ihn den endlich von der Fußball-Alternative überzeugt, machen sich die von Europäern häufig kritisierten ständigen Unterbrechungen gut. Anstatt minutenlang gebannt und fast wortlos auf den Bildschirm zu starren kann man seinem Gegenüber einen gelungenen Spielzug sofort herrlich unter die Nase reiben, sollte dabei aber daran denken – nur Sekunden später kann es schon wieder in die andere Richtung gehen.

Für diejenigen, die keinen anderen Footballbegeisterten finden können oder überhaupt lieber für sich allein spielen, gibt es unter anderem den schon erwähnten Franchise-Modus: Hier begleitet man sein Team durch die gesamte Saison inklusive Preseason-Spielen, Vertragsverhandlungen, Spielerentwicklung, wöchentlichen Trainings, die einen auf den kommenden Gegner vorbereiten, bis hin natürlich zu den Play-offs und dem großen Ziel, dem Super Bowl. Außerdem steht auch die Spielart Ultimate Team zur Verfügung, welche inzwischen auch in der Fußballsimulation FIFA Einzug gehalten hat.

Was für dauerhaften Spielspaß sorgen dürfte, sind die wöchentlichen Updates: So werden die Kader aktualisiert, die Playbooks angepasst und, als besonderes Gimmick, auch die Sprachdateien der Kommentatoren regelmäßig aktualisiert. Die nehmen dann immer wieder Bezug auf aktuelle Geschehnisse in der echten NFL. Einziger Kritikpunkt vom Oldennerd: Von Colin Kaepernicks #kneelgate ist bei seinen Testspielen nichts zu hören gewesen.

Fazit

In diesem Jahr gibt’s Hotdogs statt Stadion-Bratwurst: Wer sich ein bisschen in diese amerikanischste aller Sportarten reinfuchsen möchte, bekommt nicht nur eine Menge Spielspaß mit beeindruckender Realitätsnähe, sondern lernt auch einiges über Football an sich. Damit kann man auch die echten Spiele endlich besser verstehen und lernt, die sportlichen Leistungen der echten Athleten zu würdigen. Für Football-Fanatiker ist MADDEN 17 sowieso ein Pflichtkauf. Jene, die nur zwischendurch mal eine schnelle Partie spielen wollen, könnten allerdings schnell frustriert sein, denn wie im echten Leben ist hier eines für den Erfolg unabdingbar: Üben, üben, üben.

Wer bislang noch keine Lust auf Football hat, bekommt hier von Broncos-Star und Super Bowl MVP Von Miller nochmal eine besondere Einladung.

 

Madden 17 ist für die Konsolen PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One erschienen und kostet ca. 60 Euro

Bilder: Electronic Arts

 

Björn

Björn

Serienaficionado, Gamefanatic, Musiknerd und bekennendes Web 2.0-Opfer mit einer besonderen Vorliebe für jedweden Schwachsinn, den das Netz zu bieten hat.
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