Ein Spiel wie ein Totalschaden

Als Autofahrer sollte man ruhig, bedacht und vorausschauend fahren. Doch der Platz hinter dem Lenkrad ist für viele Verkehrsteilnehmer etwas anderes: Ein Ort, an dem sie immer Recht haben und das auch gerne gegenüber anderen kundtun – oft per wenig schmeichelhaftem Handzeichen, das  sprachliche Verbesserungsvorschläge untermalt. Im echten Straßenverkehr sorgt das für Stress auf beiden Seiten und kann auch strafrechtlich relevant werden. Wer seine Beschimpfungen und Stinkefinger ungestraft und sicher loswerden möchte, dem sei „Payback“, der neueste Sproß der „Need for Speed“-Serie wärmstens ans Herz gelegt. Denn Gründe zum Schimpfen gibt es zu genüge.

Es ist ja nicht so, dass „Payback“ generell ein schlechtes Spiel wäre. Eine Open World (darf man die überhaupt so nennen, wenn weite Teile nur reine Kulisse sind) bietet massenhaft Straßenkilometer zum Heizen, Autos gibt es en masse und die Story um drei verwegene Underground-Raser, die sich an einem skrupellosen Kartell rächen wollen, bietet immerhin ein wenig Motivation und Erklärungsgrundlage für die Geschwindigkeitsorgien. Dass die Geschichte natürlich hanebüchen ist und auch durch die gestelzten Dialoge schlechter Synchronsprecher nicht besser wird, hebt den Fremdschämlevel schon einmal. Mehrere „Blockbuster“-Missionen und die rasanten Verfolgungsjagden mit der Polizei sorgen für Abwechslung zum richtigen Zeitpunkt. Das alles könnte also gut funktionieren, würden gewisse Spielmechaniken und –Vorgaben einem den Spaß nicht gehörig verderben.

Zum Siegen verdammt

Durch verschieden Rennserien (Racer, Drift, Offroad und Kurierdienste) erarbeitet man sich und seiner Crew einen Ruf in der Schrauberszene von Fortune Valley. Doch hier lauert auch schon der erste Frust. Denn jedes Rennen will gewonnen werden. Und ich meine JEDES! Ansonsten geht es nicht weiter in der Geschichte. Das sorgt oftmals dafür, dass man ein und dasselbe Event mehrfach neu startet, nur weil zehn Meter vor der Zielflagge plötzlich ein Zivilfahrzeug irgendwie im Weg steht, welches man natürlich sofort rammt. Das wäre ja nicht so wild, aber offenbar bleiben die CPU-Konkurrenten fast von allen Unfällen verschont. Und schon schwillt der Kamm.

Denn: Warum tauchen diese Autos genau dann auf, wenn man sie nicht gebrauchen kann, wo die Welt von „Payback“ doch ansonsten eher so stark befahren ist wie ein Parkplatz am ersten Weihnachtsfeiertag.

Zu tun gibt es trotzdem ein bisschen was: Zahlreiche Mini-Herausforderungen wie die Radarfalle heben kurzzeitig die Motivation. Die Suche nach Autowracks, die über die Map verteilt sind, führt einen an eher unbekannte Orte und wird sofort belohnt. Und natürlich kann man Stunden über Stunden mit dem Aufmotzen der eigenen Karre verbringen.

Schau mir in die Karten

Hier zeigt sich der arg arcardige Charakter des Spiels: Für Heckspoiler, Felgen und sogar Soundsystem stehen massig Einzelteile zur Verfügung. An die Leistung kommt man allerdings nur über sogenannte „Speed-Karten“ heran, die man entweder kaufen oder durch Rennsiege gewinnen kann. Gerade Realismusfreunde, die vielleicht zuletzt die „Shift“-Serienteile gespielt haben, rümpfen hier die Nase.

Was an Realismus fehlt, wird in „Payback“ durch Action wettgemacht. Die schon angesprochenen Blockbuster-Missionen sehen opulent und spektakulär aus – spielen sich aber mehr als bieder. Denn in den entscheidenden Situationen nimmt uns das Spiel das Lenkrad aus der Hand und wir dürfen eine Cut-Scene gucken um dann relativ unvermittelt wieder ins Steuer zu greifen.

Fazit:

Früher waren Need for Speed-Spiele Benchmarks in Sachen Grafik, Spielspaß und Umfang. Unzählige  Serienteile, Entwicklerwechsel und Versuche der Neuerfindung später bleibt davon nur müdes Mittelmaß. Zu wenig Spaß für einen Fun-Racer, zu wenig Ernsthaftigkeit für eine Simulation. Immerhin eine halbwegs anständige Open-World. Die meiste Zeit verbringt man allerdings am besten damit, die eigene Kutsche zu individualisieren. Das ist nervenschonend. Zum Fahren eignet sich ein altes, abgelegte „GTA“ genauso gut wie „Payback“.

 

Björn

Björn

Serienaficionado, Gamefanatic, Musiknerd und bekennendes Web 2.0-Opfer mit einer besonderen Vorliebe für jedweden Schwachsinn, den das Netz zu bieten hat.
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